
Autorin: Farzaneh Ravesh
Malerin und Kunsthistorikerin
Wiesbaden, Deutschland
Abstract
This article offers a comparative examination of the relationship between the aesthetics of Immanuel Kant and Arthur Schopenhauer, demonstrating how the concept of aesthetic experience shifts from the critique of cognitive faculties in Kant’s philosophy to the realm of metaphysics and philosophy of life in Schopenhauer’s thought. In the Critique of Judgment, Kant explains aesthetic experience through the notions of the “free play of imagination and understanding” and “disinterested pleasure,” thereby establishing aesthetics as a domain independent of conceptual cognition and moral action. While preserving the fundamental structure of Kant’s analysis, Schopenhauer reinterprets it within the framework of his metaphysics of the will. Consequently, art is no longer merely an object of aesthetic judgment but becomes a means of temporary liberation from the domination of the will and the endless cycle of desire. The article argues that the concepts of the “pure subject of knowing” and the privileged status of music in Schopenhauer’s aesthetic theory exemplify this transformation from the suspension of the understanding to the suspension of the will. It concludes that the transition from Kant to Schopenhauer may be understood as a shift of aesthetics from the sphere of epistemology to that of metaphysics and existential experience.
Keywords
Kant; Schopenhauer; Aesthetics; Will; Representation; Pure Subject of Knowing; Music; Suspension of the Will; Free Play of Imagination and Understanding; Metaphysics.
Einleitung
Die moderne Ästhetik entsteht an jenem Punkt, an dem die Philosophie versucht, das Verhältnis zwischen Mensch und Welt jenseits der traditionellen Bereiche von Erkenntnis und Moral zu bestimmen. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde die künstlerische Erfahrung entweder im Rahmen von Nachahmungstheorien der Natur verstanden oder als Instrument im Dienste von Erziehung, Moral und Religion betrachtet. Mit Immanuel Kant wird jedoch erstmals die ästhetische Erfahrung als eigenständige Sphäre menschlicher Erfahrung zum Gegenstand einer systematischen philosophischen Untersuchung.
In der Kritik der Urteilskraft zeigt Kant, dass die Begegnung mit dem Schönen weder auf begriffliche Erkenntnis noch auf die Befriedigung praktischer Bedürfnisse und Neigungen reduziert werden kann. Die ästhetische Erfahrung bezeichnet für ihn einen Zustand, in dem Einbildungskraft und Verstand in ein „freies Spiel“ treten und das Subjekt am bloßen Erscheinen des Gegenstandes Wohlgefallen findet, ohne ihn unter einen bestimmten Begriff zu subsumieren. Das Schöne wird somit zu einer Erfahrung, in der die gewöhnliche Herrschaft der Begriffe des Verstandes über die Wahrnehmung vorübergehend suspendiert wird.
Diese kantische Wende übte einen tiefgreifenden Einfluss auf die nachfolgende philosophische Tradition aus, und einer ihrer bedeutendsten Erben war Arthur Schopenhauer. Obwohl Schopenhauer sich selbst als Fortführer des kritischen Projekts Kants verstand, bemühte er sich zugleich darum, die kantische Ästhetik innerhalb seines eigenen metaphysischen Systems neu zu interpretieren. In seiner Philosophie ist die Welt nicht nur ein Bereich von Erscheinungen und Vorstellungen, sondern die Manifestation eines grundlegenden, blinden und unersättlichen Willens. Da der Wille die Quelle allen Begehrens, aller Bedürfnisse und somit auch allen Leidens ist, wird die Kunst nicht länger lediglich zu einer Frage des ästhetischen Urteils, sondern zu einer grundlegenden Frage nach der Möglichkeit der Befreiung aus der tragischen Verfasstheit des menschlichen Daseins. Aus diesem Grund versteht Schopenhauer die ästhetische Erfahrung als einen Moment, in dem das Individuum von seiner Individualität und seinen Begehrensstrukturen Abstand gewinnt und sich für kurze Zeit der Herrschaft des Willens entzieht.
Trotz dieser engen Verbindung ist das Verhältnis zwischen Kant und Schopenhauer im Bereich der Ästhetik nicht bloß als ein Verhältnis von Einfluss und Rezeption zu verstehen. Vielmehr markiert es den Übergang zwischen zwei unterschiedlichen philosophischen Horizonten. Während Kant die Frage der Schönheit im Rahmen einer Analyse der Bewusstseinsstrukturen und der Bedingungen ästhetischer Urteile behandelt, erhebt Schopenhauer sie auf eine metaphysische und existentielle Ebene. In diesem Sinne lässt sich sagen, dass das, was bei Kant als zeitweilige Suspendierung der Herrschaft begrifflicher Erkenntnis erscheint, bei Schopenhauer zur zeitweiligen Suspendierung des Willens und damit zur Befreiung aus dem endlosen Kreislauf von Begehren und Leiden wird.
Der vorliegende Beitrag untersucht auf der Grundlage einer vergleichenden Analyse der Werke Kants und Schopenhauers die Frage, wie sich die ästhetische Erfahrung vom „freien Spiel der Erkenntniskräfte“ bei Kant zur „Befreiung vom Willen“ bei Schopenhauer transformiert. Die zentrale These lautet, dass Schopenhauer die grundlegende Struktur der kantischen Ästhetik beibehält, ihr jedoch durch die Verlagerung von der erkenntnistheoretischen auf die metaphysische und lebensphilosophische Ebene eine neue Bedeutung verleiht. Der Übergang von Kant zu Schopenhauer kann daher als ein Übergang von der „Suspendierung des Verstandes“ zur „Suspendierung des Willens“ verstanden werden – ein Übergang, der die Rolle der Kunst von der Sphäre des ästhetischen Urteils auf den Horizont existentieller Befreiung ausweitet.
Methodik
Die vorliegende Untersuchung basiert auf einer analytisch-hermeneutischen Methode und stützt sich auf die Auswertung philosophischer Primärtexte. Im Zentrum stehen die grundlegenden ästhetischen Konzepte bei Immanuel Kant, insbesondere in der Kritik der Urteilskraft, sowie bei Arthur Schopenhauer, vor allem in Die Welt als Wille und Vorstellung. Zunächst wird die Struktur der ästhetischen Erfahrung bei Kant unter dem Gesichtspunkt des freien Spiels der Erkenntnisvermögen analysiert. Anschließend wird untersucht, wie Schopenhauer diese Struktur innerhalb seiner Metaphysik des Willens neu interpretiert. Die Studie folgt einem begriffsanalytischen und vergleichenden Ansatz und zielt darauf ab, sowohl die Kontinuitäten als auch die theoretischen Brüche zwischen den beiden Denkern sichtbar zu machen, ohne deren historischen Kontext aus dem Blick zu verlieren.
1. Die Ästhetik als Sphäre der Freiheit: Die Suspendierung der Herrschaft des Verstandes in Kants Philosophie
Kants kritische Philosophie beruht auf der Unterscheidung dreier grundlegender Vermögen des menschlichen Geistes: Erkenntnis, Moral und Urteilskraft. In der Kritik der reinen Vernunft steht die Frage nach der Möglichkeit und den Grenzen der Erkenntnis im Mittelpunkt; in der Kritik der praktischen Vernunft wird die Problematik von Freiheit und Moral behandelt; und in der Kritik der Urteilskraft versucht Kant, eine Vermittlung zwischen diesen beiden Bereichen herzustellen. Aus dieser Perspektive ist die Ästhetik in Kants Philosophie nicht bloß eine Theorie der Kunst, sondern der Versuch, eine besondere Weise des Verhältnisses zwischen Mensch und Welt zu verstehen, die weder auf begriffliche Erkenntnis noch auf moralisches Handeln reduziert werden kann.
Im gewöhnlichen Erkenntnisprozess kommt dem Verstand eine entscheidende Rolle zu. Sinnliche Daten werden erst dann zu Erkenntnis, wenn sie unter die Kategorien und Begriffe des Verstandes gebracht werden. Das Bewusstsein ist in diesem Zusammenhang stets darauf ausgerichtet, Ordnung zu schaffen, Phänomene zu klassifizieren und begrifflich zu bestimmen. Die Welt erscheint als eine Gesamtheit erkennbarer Objekte, die dem erkennenden Subjekt gegenüberstehen, während der Verstand die Aufgabe übernimmt, diese Erfahrung zu strukturieren. Kant ist jedoch der Auffassung, dass die ästhetische Erfahrung diesem Muster nicht folgt.
Wenn ein Mensch einem Kunstwerk oder einem schönen Naturphänomen begegnet, tritt er in eine andere Beziehung zur Welt ein. Der Gegenstand erscheint hier weder als Objekt wissenschaftlicher Erkenntnis noch als Mittel zur Verwirklichung eines praktischen Zwecks. Das Schöne ist für Kant Gegenstand eines „interesselosen Wohlgefallens“ – eines Wohlgefallens, das weder von Nutzen noch von Vorteil oder der Befriedigung eines Begehrens abhängt. Aus diesem Grund lässt sich das ästhetische Urteil weder auf ein Erkenntnisurteil noch auf ein moralisches Urteil reduzieren.
Den Ursprung dieser Erfahrung sieht Kant in dem, was er das „freie Spiel der Einbildungskraft und des Verstandes“ nennt. Im gewöhnlichen Erkenntnisvollzug steht die Einbildungskraft im Dienst des Verstandes und bereitet die sinnlichen Daten für deren begriffliche Bestimmung vor. In der ästhetischen Erfahrung wird dieses hierarchische Verhältnis jedoch vorübergehend suspendiert. Einbildungskraft und Verstand treten in eine freie Harmonie ein, ohne dass der Verstand die Erfahrung unter einem bestimmten Begriff fixieren könnte. Schönheit ist daher weder das Ergebnis von Erkenntnis noch die Folge eines Begehrens, sondern Ausdruck einer eigentümlichen Freiheit im Zusammenspiel der geistigen Vermögen.
Gerade dieses Merkmal beschreibt Kant mit seinem berühmten Begriff der „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“. In der Begegnung mit dem Schönen scheint eine Form von Ordnung und Harmonie im Gegenstand wahrgenommen zu werden, ohne dass diese auf einen bestimmten praktischen Zweck verweist. Das Subjekt erfährt eine besondere Form von Stimmigkeit und Zusammenhang, ohne diese auf einen bestimmten Begriff zurückführen zu können. Die kantische Ästhetik gründet somit weder auf Erkenntnis noch auf Wollen, sondern auf einer Erfahrung, in der sich das Bewusstsein für einen Augenblick von der Herrschaft der Begriffe befreit.
In diesem Sinne lässt sich sagen, dass die ästhetische Erfahrung in Kants Philosophie eine wesentlich negative Struktur besitzt. Was diese Erfahrung ermöglicht, ist nicht die Hinzufügung eines neuen Elements zum Bewusstsein, sondern vielmehr die zeitweilige Suspendierung der gewöhnlichen Funktion des Verstandes. In der Erfahrung des Schönen begegnet der Mensch der Welt weder als einem Gegenstand der Erkenntnis noch als einem Objekt der Aneignung, sondern allein im Horizont ihrer Erscheinung und Gegenwart. Gerade diese Distanz zur Logik instrumenteller Erkenntnis macht die ästhetische Erfahrung zu einem eigenständigen Bereich innerhalb des kantischen Systems.
Die Bedeutung dieser Analyse liegt darin, dass sie die theoretische Voraussetzung für die spätere Transformation der Ästhetik bei Schopenhauer schafft. Wenn es in der ästhetischen Erfahrung möglich ist, sich von der Herrschaft des Verstandes zu lösen, stellt sich die Frage, ob auch eine Befreiung von einer noch grundlegenderen Macht des menschlichen Daseins – dem Willen – denkbar ist. Schopenhauers Antwort auf diese Frage bildet den Ausgangspunkt jener metaphysischen Umdeutung der kantischen Ästhetik, die seine Philosophie kennzeichnet.
2. Die Welt als Vorstellung und Wille: Die metaphysischen Grundlagen der Ästhetik Schopenhauers
Schopenhauers Ästhetik lässt sich nicht unabhängig von seinem metaphysischen System verstehen. Während Kant die Frage der Schönheit im Horizont einer Kritik der Erkenntnisvermögen behandelt, interpretiert Schopenhauer die Kunst im Verhältnis zum ontologischen Grund der Wirklichkeit. Das Verständnis seiner Kunsttheorie setzt daher die Einsicht in die grundlegende Unterscheidung voraus, die er zwischen der „Welt als Vorstellung“ (Vorstellung) und der „Welt als Wille“ (Wille) trifft.
In seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung übernimmt Schopenhauer zunächst die grundlegende Einsicht der kantischen Transzendentalphilosophie, wonach die erfahrene Welt stets eine Welt ist, die nur in Beziehung zum erkennenden Subjekt erscheint. Alles, was Gegenstand der Erkenntnis wird, erscheint innerhalb des Rahmens des Satzes vom zureichenden Grunde (Satz vom zureichenden Grunde) und innerhalb der Bedingungen menschlicher Anschauung und Erkenntnis. In diesem Sinne ist die Welt für uns immer Vorstellung, das heißt eine Welt, die nur im Verhältnis von Subjekt und Objekt Bedeutung gewinnt.
An diesem Punkt entfernt sich Schopenhauer jedoch von Kant. Während Kant das Ding an sich (Ding an sich) als die Grenze möglicher Erkenntnis bestimmt und jede positive Erkenntnis desselben für unmöglich erklärt, ist Schopenhauer der Auffassung, dass der Mensch durch die innere Erfahrung einen Zugang zu dieser Dimension gewinnt. Der Mensch erfährt seinen eigenen Leib nicht nur als Objekt unter anderen Objekten der Welt, sondern zugleich von innen her. Diese innere Erfahrung offenbart sich auf ihrer grundlegendsten Ebene als Streben, Drängen, Begehren und Selbsterhaltungstrieb. Aus dieser Erfahrung zieht Schopenhauer den Schluss, dass das innere Wesen der Welt identisch mit dem ist, was wir in uns selbst als Willen erfahren.
Der Wille darf bei Schopenhauer nicht mit dem gewöhnlichen Begriff eines bewussten Wollens verwechselt werden. Er ist weder ein psychologisches Vermögen noch das Ergebnis rationaler Reflexion. Vielmehr bezeichnet der Wille das metaphysische, vorrationale und universale Prinzip des Seins selbst. Dieser Wille ist ziellos, bewusstlos und kennt keinen endgültigen Zweck. Die Natur, das organische Leben, die menschlichen Leidenschaften und selbst die Tätigkeit der Vernunft erscheinen als verschiedene Objektivationen dieses einen grundlegenden Willens.
Auf dieser Grundlage entwirft Schopenhauer ein zutiefst tragisches Bild der menschlichen Existenz. Da der Mensch selbst Ausdruck des Willens ist, bleibt sein Leben in einem endlosen Kreislauf von Begehren und Befriedigung gefangen. Jedes Begehren entspringt einem Mangel, und Mangel bedeutet Leiden. Die Erfüllung eines Wunsches vermag diesen Zustand jedoch nicht dauerhaft zu überwinden, da unmittelbar neue Wünsche entstehen. Das menschliche Leben bewegt sich daher zwischen den beiden Polen des Leidens (Leiden) und der Langeweile (Langeweile): Leiden aufgrund des Nichterreichens des Begehrten und Langeweile infolge seiner Erfüllung.
Vor diesem Hintergrund erhält die Kunst eine vollkommen besondere Stellung. Wenn das Leiden aus der grundlegenden Struktur des Willens hervorgeht, dann besitzt jede Erfahrung, die den Menschen von der Herrschaft des Willens zu befreien vermag, eine ontologische Bedeutung. Genau diese Funktion schreibt Schopenhauer der Kunst zu. Die ästhetische Erfahrung ist für ihn nicht lediglich eine Form subjektiven Genusses oder ein freies Spiel der Erkenntnisvermögen, sondern vielmehr eine zeitweilige Unterbrechung des Horizonts des Wollens.
In der ästhetischen Erfahrung begegnet das Individuum der Welt nicht länger aus der Perspektive seiner Bedürfnisse, Interessen und persönlichen Zwecke. Das Bewusstsein löst sich von seiner gewöhnlichen Stellung als wollendes Subjekt und verwandelt sich in das, was Schopenhauer das „reine Subjekt des Erkennens“ (reines Subjekt des Erkennens) nennt. In diesem Zustand tritt der Mensch nicht mehr als Träger von Wünschen und Interessen auf, sondern als reiner Betrachter. Die Welt erscheint nun nicht mehr als Gegenstand der Aneignung oder Bedürfnisbefriedigung, sondern als Objekt kontemplativer Anschauung.
Dadurch erhält die Kunst in Schopenhauers Denken eine Bedeutung, die weit über die traditionelle Ästhetik hinausgeht. Kunst dient nicht bloß der Hervorbringung von Lust, sondern bewirkt eine zeitweilige Suspendierung des Willens. Wenn die ästhetische Erfahrung bei Kant in der Suspendierung der Herrschaft begrifflicher Erkenntnis besteht, wird dieselbe Struktur bei Schopenhauer auf eine metaphysische Ebene übertragen. Suspendiert wird nun nicht mehr allein die begriffliche Tätigkeit des Verstandes, sondern der Wille selbst als Ursprung des Leidens und der Unruhe menschlicher Existenz.
3. Die Suspendierung des Willens und das Auftreten des reinen Subjekts des Erkennens in der ästhetischen Erfahrung
Wenn der Wille das metaphysische Fundament der Welt und zugleich die Quelle menschlichen Leidens ist, stellt sich für Schopenhauer die grundlegende Frage, ob der Mensch sich – wenn auch nur vorübergehend – seiner Herrschaft entziehen kann. Die Antwort auf diese Frage ist in seiner Theorie der Kunst zu suchen. Kunst ist für Schopenhauer nicht bloß ein Bereich ästhetischen Genusses oder kultureller Hervorbringung, sondern eine der wenigen Möglichkeiten, sich aus dem gewöhnlichen Zustand menschlicher Existenz zu lösen.
Im alltäglichen Leben steht das Bewusstsein stets im Dienst des Willens. Wahrnehmung, Denken und Erkenntnis fungieren gewöhnlich als Instrumente, deren sich der Wille zur Verwirklichung seiner Ziele bedient. Der Mensch erfährt die Welt aus der Perspektive seiner Bedürfnisse, Interessen, Ängste und Hoffnungen. Die Dinge erscheinen ihm nicht so, wie sie an sich sind, sondern in ihrer Beziehung zu seinen individuellen Begehrensstrukturen. In diesem Zustand bleibt das Subjekt stets ein „wollendes Subjekt“, ein Wesen, das im Horizont von Mangel, Begehren und Streben lebt.
In der eigentlichen ästhetischen Erfahrung verändert sich dieses Verhältnis jedoch grundlegend. Schopenhauer ist der Auffassung, dass die Begegnung mit dem Schönen den Menschen aus dem Horizont des Wollens heraustreten lässt. Das Bewusstsein steht nun nicht länger im Dienst des Willens, sondern verwandelt sich in reine Kontemplation. Das Individuum strebt weder nach Besitz noch nach Nutzen oder Bedürfnisbefriedigung. Es betrachtet lediglich.
Diesen Zustand beschreibt Schopenhauer mit dem Begriff des „reinen Subjekts des Erkennens“ (reines Subjekt des Erkennens). Für einen Augenblick löst sich das Individuum von seiner empirischen Individualität. Persönliche Sorgen, Wünsche und praktische Zielsetzungen treten in den Hintergrund, während eine Form unparteiischer und nicht vom Wollen bestimmter Erkenntnis entsteht. Genau an diesem Punkt wird die Kunst zu einer Erfahrung der Befreiung.
Im Unterschied zur alltäglichen Erkenntnis, die sich auf einzelne und besondere Dinge richtet, ist die ästhetische Erkenntnis nach Schopenhauer auf die „Ideen“ (Ideen) gerichtet. Mit diesem Begriff knüpft er an die platonische Tradition an. Ideen sind die allgemeinen und überzeitlichen Wesensformen, die hinter der Vielheit der Erscheinungen stehen. Der wahre Künstler ist jener, der über die Ebene individueller Dinge hinauszugehen vermag und diese Ideen intuitiv erfasst. Der Betrachter gelangt durch das Kunstwerk zu derselben Anschauung.
Die Kunst eröffnet daher eine besondere Form von Erkenntnis, die weder begrifflich noch wissenschaftlich ist. Während die Wissenschaft nach Kausalzusammenhängen, Gesetzen und Erklärungen sucht, löst sich das Bewusstsein in der Kunst von den kausalen Verflechtungen der Erscheinungswelt und gelangt zu einer unmittelbaren Anschauung des Wesens der Dinge. Dieser Übergang von instrumenteller Erkenntnis zur reinen Anschauung bildet die Voraussetzung für die Suspendierung des Willens.
Unter allen Künsten nimmt die Musik in Schopenhauers System eine herausragende Stellung ein. Diese Vorrangstellung beruht nicht lediglich auf ihrer emotionalen Wirkung oder ihrer universellen Reichweite, sondern auf den metaphysischen Grundlagen seiner Philosophie. Schopenhauer vertritt die Auffassung, dass zwischen der Musik und den übrigen Künsten ein wesentlicher Unterschied besteht. Während Malerei, Bildhauerei, Architektur und Dichtung die platonischen Ideen oder die verschiedenen Objektivationen des Willens darstellen, steht die Musik in unmittelbarer Beziehung zum Willen selbst. Daher erklärt Schopenhauer in Die Welt als Wille und Vorstellung, dass die Musik im Unterschied zu allen anderen Künsten „nicht Abbild der Ideen, sondern unmittelbares Abbild des Willens selbst“ sei. Diese These gehört zu den zentralen Aussagen seiner Ästhetik und bildet die Grundlage für die Sonderstellung der Musik innerhalb der Hierarchie der Künste.
Zum Verständnis dieser Behauptung ist die Unterscheidung zwischen Idee und Wille entscheidend. Die Ideen stellen allgemeine und überempirische Wesensformen dar, die zwischen dem Willen und der Erscheinungswelt vermitteln. Die bildenden Künste und die Dichtung ermöglichen durch ihre Darstellung dieser Ideen eine nicht-begriffliche Anschauung der Wahrheit. So offenbart etwa eine Skulptur die allgemeine Idee des Menschlichen, während eine Tragödie grundlegende Muster von Leiden, Konflikt und Schicksal sichtbar machen kann. Dennoch beziehen sich diese Künste lediglich auf die Erscheinungsformen des Willens und nicht auf den Willen selbst.
Die Musik nimmt demgegenüber eine völlig andere Stellung ein. Sie bildet weder Gegenstände ab noch erzählt sie Ereignisse oder imitiert die sinnliche Welt. Schopenhauer geht sogar so weit zu behaupten, dass die Musik denkbar bliebe, selbst wenn die Erscheinungswelt nicht existierte. In diesem Sinne ist Musik nicht Repräsentation der Welt, sondern ihr metaphysisches Gegenstück. In einer berühmten Formulierung schreibt Schopenhauer, die Musik verhalte sich zur Welt so, wie die Welt sich zu den Ideen verhält. So wie die Erscheinungswelt Objektivation der Ideen ist, stellt die Musik eine unmittelbare Objektivation des Willens dar. Deshalb eröffnet sie einen tieferen Zugang zur Wirklichkeit als jede andere Kunstform.
Auch Schopenhauers Interpretation der inneren Struktur der Musik gründet auf dieser metaphysischen Perspektive. Besonders die Melodie besitzt für ihn eine herausragende Bedeutung. Sie spiegelt die innere Bewegung des Willens wider – eine Bewegung, die aus Spannung hervorgeht, nach Erfüllung strebt und immer wieder neue Spannungen erzeugt. Deshalb bezeichnet Schopenhauer die Melodie als die „geheime Geschichte des Willens“. Wie das menschliche Leben von einem ständigen Wechsel zwischen Begehren, Erfüllung und neuem Begehren geprägt ist, so bewegt sich auch die Melodie zwischen Spannung und Auflösung, nur um erneut Spannung hervorzubringen. Die musikalische Struktur wird dadurch zum symbolischen Ausdruck der Grundstruktur des Seins.
Darüber hinaus stellt Schopenhauer Analogien zwischen den verschiedenen Ebenen musikalischer Komposition und den verschiedenen Stufen der Wirklichkeit her. Die tiefen Basslinien vergleicht er mit den grundlegenden Naturkräften, während die melodische Bewegung dem bewussten menschlichen Leben entspricht. Auch wenn diese Deutungen heute weniger musiktheoretischen als vielmehr philosophischen Wert besitzen, verdeutlichen sie, dass die Musik für Schopenhauer weit mehr ist als eine Kunst unter anderen. Sie fungiert als Modell zum Verständnis der innersten Struktur der Welt.
Gleichzeitig enthält Schopenhauers Musiktheorie eine innere Spannung. Wenn Kunst allgemein als Möglichkeit der Suspendierung des Willens verstanden wird, wie kann dann ausgerechnet die Musik, die den Willen unmittelbar ausdrückt, zur Befreiung vom Willen führen? Die Antwort liegt in der Unterscheidung zwischen dem Leben des Willens und seiner kontemplativen Anschauung. Im Alltag erfährt der Mensch den Willen als Begehren, Mangel und Leiden. In der musikalischen Erfahrung hingegen wird dieselbe Struktur zum Gegenstand reiner Betrachtung. Anstatt am Kreislauf des Wollens teilzunehmen, betrachtet das Individuum ihn in einer reinen und unpersönlichen Form. Dadurch ermöglicht die Musik eine reflektierende Distanz zum Willen – eine Distanz, die zwar nur vorübergehend ist, den Menschen jedoch über die Grenzen seiner Individualität und seines alltäglichen Begehrens hinausführt.
Die Musik ist daher für Schopenhauer nicht nur die höchste Kunst, sondern die tiefste Möglichkeit ästhetischer Erfahrung überhaupt. Während die übrigen Künste den Zugang zu den Ideen eröffnen, konfrontiert die Musik den Menschen unmittelbar mit dem metaphysischen Grund der Welt. Gerade deshalb betrachtet Schopenhauer sie als die universellste aller Künste – als eine Kunstform, die ohne Sprache, Begriff oder gegenständliche Darstellung eine Ebene menschlicher Erfahrung erreicht, die allen Menschen gemeinsam ist. Hier erreicht seine Ästhetik den Höhepunkt ihrer Verbindung mit der Metaphysik des Willens, und die Musik erscheint als die höchste Form der zeitweiligen Suspendierung von Leiden und Individualität.
Dennoch ist die durch die Kunst gewonnene Befreiung für Schopenhauer keine endgültige. Die Suspendierung des Willens bleibt stets vorübergehend. Nach dem Ende der ästhetischen Erfahrung kehrt der Mensch in die Welt der Bedürfnisse, Wünsche und Leiden zurück. Kunst bewirkt lediglich eine zeitweilige Unterbrechung der Herrschaft des Willens. In diesem Sinne besitzt Schopenhauers Ästhetik eine zutiefst tragische Struktur: Die Kunst eröffnet einen Ausblick auf Freiheit, vermag diese Freiheit jedoch nicht dauerhaft zu verwirklichen.
An diesem Punkt tritt auch die Distanz zu Kant deutlich hervor. Während die ästhetische Erfahrung bei Kant vor allem auf die Struktur der Erkenntnisvermögen bezogen bleibt, wird sie bei Schopenhauer mit den Fragen des Leidens, der Freiheit und der existentiellen Verfassung des Menschen verknüpft. Was bei Kant als freies Spiel von Einbildungskraft und Verstand erscheint, verwandelt sich bei Schopenhauer in eine metaphysische Erfahrung, in der der Mensch für einen Augenblick Abstand vom leidvollen Grund des Daseins, dem Willen, gewinnt. Die Kunst überschreitet damit den Bereich des ästhetischen Urteils und wird zu einer Form existentieller Befreiung.
Schlussfolgerung
Die Untersuchung des Verhältnisses zwischen der Ästhetik Kants und Schopenhauers zeigt, dass Schopenhauers Kunstphilosophie nicht als eine bloß eigenständige Theorie des Schönen verstanden werden kann. Vielmehr ist sie als Fortführung und zugleich als grundlegende Transformation jenes Projekts zu begreifen, das Kant in der Kritik der Urteilskraft begründet hatte. Kant unterschied die ästhetische Erfahrung erstmals sowohl von der begrifflichen Erkenntnis als auch vom moralischen Handeln und analysierte sie als eine eigenständige Sphäre menschlicher Erfahrung. Schönheit beruht in diesem Zusammenhang auf einem freien Spiel von Einbildungskraft und Verstand, in dem die Herrschaft der Begriffe über die Erfahrung vorübergehend suspendiert wird und das Bewusstsein Abstand von seiner instrumentellen und erkenntnisorientierten Beziehung zur Welt gewinnt.
Schopenhauer übernimmt diese grundlegende Struktur, interpretiert sie jedoch im Horizont seiner Metaphysik des Willens neu. Während bei Kant die Bedingungen der Möglichkeit ästhetischer Urteile im Mittelpunkt stehen, wird die ästhetische Erfahrung bei Schopenhauer mit der existentiellen Verfassung des Menschen und seiner Beziehung zum Leiden verknüpft. Da der Wille die Quelle aller Wünsche, Bedürfnisse und Konflikte ist, erscheint die Kunst nicht länger lediglich als Gegenstand der Erkenntnis oder des Urteils, sondern als eine der wenigen Möglichkeiten, sich der Herrschaft des Willens zu entziehen. Was bei Kant als zeitweilige Suspendierung der Herrschaft des Verstandes erscheint, wird bei Schopenhauer zur zeitweiligen Suspendierung des Willens und damit zur Distanzierung vom endlosen Kreislauf des Begehrens.
In dieser Transformation kommt dem Begriff des „reinen Subjekts des Erkennens“ eine zentrale Bedeutung zu. In der ästhetischen Erfahrung löst sich das Individuum von seinen Interessen, Zwecken und persönlichen Wünschen und wird zu einem unparteiischen Betrachter. Diese Distanz zur empirischen Individualität eröffnet die Möglichkeit der Anschauung der Ideen und damit einer vorübergehenden Befreiung aus dem gewöhnlichen Zustand des Wollens. Kunst erscheint bei Schopenhauer daher nicht bloß als Bereich ästhetischen Genusses, sondern als existentielle Erfahrung, die innerhalb einer von Leiden und Mangel geprägten Welt einen Horizont der Freiheit eröffnet.
Auch die herausragende Stellung der Musik wird vor diesem Hintergrund verständlich. Für Schopenhauer ist die Musik die einzige Kunst, die nicht die Ideen repräsentiert, sondern den Willen unmittelbar zum Ausdruck bringt. Gerade deshalb eröffnet sie einen tieferen Zugang zum metaphysischen Grund der Wirklichkeit als alle anderen Künste und stellt die höchste Form ästhetischer Erfahrung dar. In der Musik vermag der Mensch die Grundstruktur des Wollens für einen Augenblick nicht als Handelnder, sondern als Betrachtender zu erfahren.
Daraus ergibt sich, dass der Übergang von Kant zu Schopenhauer nicht lediglich den Wechsel von einer Kunsttheorie zu einer anderen bezeichnet. Vielmehr handelt es sich um eine Verlagerung der Ästhetik von der Ebene der Erkenntniskritik auf die Ebene der Metaphysik und der Philosophie des Lebens. Wenn Schönheit bei Kant als Erfahrung der Freiheit der Erkenntnisvermögen verstanden wird, so erscheint sie bei Schopenhauer als Erfahrung einer zeitweiligen Freiheit gegenüber dem Willen. Das Verhältnis beider Denker lässt sich daher in einer prägnanten Formel zusammenfassen: Die kantische Ästhetik gründet auf der Suspendierung der Herrschaft des Verstandes, während die schopenhauersche Ästhetik auf der Suspendierung der Herrschaft des Willens beruht.
Fußnotenverzeichnis
1. Verstand: In Kants Philosophie das Erkenntnisvermögen, das sinnliche Daten mittels Begriffen und Kategorien ordnet und dadurch objektive Erkenntnis ermöglicht. Der Verstand darf nicht mit der Vernunft (Vernunft) gleichgesetzt werden, da diese im kantischen System die Aufgabe hat, regulative Ideen und allgemeine Prinzipien zu formulieren.
2. Einbildungskraft: Eines der grundlegenden Vermögen des menschlichen Geistes in der Philosophie Kants. Die Einbildungskraft vermittelt zwischen Sinnlichkeit und Verstand, indem sie die sinnlichen Anschauungen für die begriffliche Verarbeitung vorbereitet. In der ästhetischen Erfahrung tritt sie jedoch aus dieser dienenden Funktion heraus und gelangt mit dem Verstand in ein „freies Spiel“, das die Grundlage des Geschmacksurteils bildet.
3. Freies Spiel der Einbildungskraft und des Verstandes (freies Spiel der Einbildungskraft und des Verstandes): Ein Schlüsselbegriff der kantischen Ästhetik. Er bezeichnet die spontane Harmonie zwischen Einbildungskraft und Verstand, bei der der Verstand die Erfahrung nicht unter einen bestimmten Begriff subsumiert.
4. Interessenloses Wohlgefallen (interesseloses Wohlgefallen): Einer der bekanntesten Begriffe der kantischen Ästhetik. „Interessenlos“ bedeutet hierbei nicht Gleichgültigkeit, sondern das Fehlen von Besitzstreben, Nutzeninteressen oder praktischen Zwecken.
5. Zweckmäßigkeit ohne Zweck (Zweckmäßigkeit ohne Zweck): Die Erfahrung einer Ordnung oder Harmonie im schönen Gegenstand, ohne dass diese auf einen bestimmten praktischen Zweck oder Nutzen verweist.
6. Noumenon oder Ding an sich (Noumenon / Ding an sich): Die von den Bedingungen menschlicher Wahrnehmung und Erkenntnis unabhängige Wirklichkeit. Kant akzeptiert ihre Existenz, hält jedoch eine theoretische Erkenntnis derselben für unmöglich.
7. Erscheinung / Phänomen: Dasjenige, was innerhalb der Bedingungen menschlicher Wahrnehmung und Erkenntnis erscheint. In Kants Philosophie steht die Erscheinung dem Ding an sich gegenüber und bezeichnet die Welt, wie sie dem erkennenden Subjekt gegeben ist. Schopenhauer übernimmt diesen Gedanken und versteht die empirische Welt als Welt der Vorstellungen, das heißt als Bereich der Erscheinungen, die nur im Verhältnis zum Subjekt existieren.
8. Vorstellung (Vorstellung): Zentraler Begriff in Schopenhauers Philosophie. Er bezeichnet alles, was dem Bewusstsein des Subjekts als Objekt erscheint. Die Welt als Vorstellung ist die Welt der Erfahrung, die stets in der Beziehung zwischen Subjekt und Objekt konstituiert wird.
9. Wille (Wille): Bei Schopenhauer nicht bloß bewusstes Wollen, sondern das metaphysische und vorrationale Prinzip, das den Grund aller natürlichen und menschlichen Erscheinungen bildet.
10. Satz vom zureichenden Grunde (Satz vom zureichenden Grunde): Das Prinzip, wonach jedes Ereignis und jedes Seiende einen zureichenden Grund seines Daseins oder Geschehens besitzen muss. Schopenhauer betrachtet es als Grundstruktur der Welt als Vorstellung.
11. Objektivation des Willens (Objektivation des Willens): Der Prozess, durch den sich der metaphysische Wille auf verschiedenen Stufen der Natur und des Lebens in objektiven Erscheinungen manifestiert.
12. Ideen (Ideen): Ein von Schopenhauer aus der platonischen Philosophie übernommener Begriff. Ideen sind allgemeine, unveränderliche und überempirische Wesensformen, die zwischen dem Willen und der Erscheinungswelt stehen.
13. Reines Subjekt des Erkennens (reines Subjekt des Erkennens): Ein Bewusstseinszustand, in dem sich das Individuum vorübergehend von seinen Wünschen, Interessen und praktischen Zielen löst und zu einem reinen Betrachter wird.
14. Anschauung (Anschauung): In der deutschen philosophischen Tradition die unmittelbare Wahrnehmung oder Gegebenheit eines Gegenstandes. Bei Schopenhauer bezeichnet Anschauung keine begriffliche Erkenntnis, sondern eine unmittelbare und nicht-begriffliche Erfassung der Ideen.
15. Metaphysik (Metaphysik): Der Bereich der Philosophie, der sich mit den grundlegendsten Strukturen der Wirklichkeit, des Seins und der Existenz beschäftigt. Schopenhauers Metaphysik ist der Versuch, das innere Wesen der Welt durch den Begriff des Willens zu bestimmen.
16. Leiden und Langeweile (Leiden und Langeweile): Die beiden Grundpole menschlicher Existenz in Schopenhauers Philosophie. Leiden entsteht aus unerfülltem Begehren, Langeweile aus der Erfüllung eines Begehrens und dem Fehlen neuer Ziele des Wollens.
17. Individualität (Individualität): Die Existenzweise des Menschen als eines Wesens mit eigenen Bedürfnissen, Interessen und Wünschen. Die ästhetische Erfahrung ist bei Schopenhauer durch eine zeitweilige Aufhebung dieser Individualität gekennzeichnet.
18. Repräsentierende Künste: Kunstformen wie Malerei, Bildhauerei und Dichtung, die Ideen oder verschiedene Stufen der Objektivation des Willens darstellen. Sie vermitteln einen Zugang zu den platonischen Ideen, nicht jedoch unmittelbar zum Willen selbst.
19. Musik als unmittelbares Abbild des Willens: Schopenhauer vertritt die Auffassung, dass die Musik im Unterschied zu den übrigen Künsten nicht die platonischen Ideen, sondern unmittelbar den Willen selbst ausdrückt. Deshalb gilt sie ihm als die tiefste, universellste und metaphysisch bedeutsamste aller Künste.
20. Die Welt als Wille und Vorstellung (Die Welt als Wille und Vorstellung): Das Hauptwerk Arthur Schopenhauers, das erstmals 1819 veröffentlicht wurde. Das Werk enthält die systematische Darstellung seiner Metaphysik, Erkenntnistheorie, Ästhetik und Ethik. In Anknüpfung an Kants Unterscheidung zwischen Erscheinung und Ding an sich argumentiert Schopenhauer, dass die Welt unter zwei Perspektiven verstanden werden kann: einerseits als „Vorstellung“, das heißt als eine Welt, die nur in Beziehung zum erkennenden Subjekt erscheint, und andererseits als „Wille“, der die innere Wirklichkeit und den metaphysischen Grund aller Erscheinungen bildet. Schopenhauers Kunsttheorie, seine Ästhetik, seine Ethik des Mitleids sowie seine Lehre von der Verneinung des Willens beruhen auf den in diesem Werk entwickelten Grundannahmen. Die zweite, erheblich erweiterte Auflage erschien 1844, die dritte Auflage 1859.
Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Kant, Immanuel (2009): Kritik der Urteilskraft. Hamburg: Felix Meiner Verlag.
Schopenhauer, Arthur (1986): Die Welt als Wille und Vorstellung. 2 Bände. Zürich: Diogenes Verlag.
Sekundärliteratur
Safranski, Rüdiger (2019): Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie. Eine Biographie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.
Janaway, Christopher (1999): The Cambridge Companion to Schopenhauer. Cambridge: Cambridge University Press.
Koßler, Matthias (2009): Einführung in die Philosophie Schopenhauers. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.