Krise im Iran: Kermanis Warnung und ihre Kritik
Iran steht vor einer ernsten Krise. Navid Kermani, Schriftsteller und Publizist, hat nach der blutigen Niederschlagung der Proteste in einem aktuellen Interview mit Deutschlandfunk davor gewarnt, dass die Gefahr eines Bürgerkriegs real ist. Er ist der Ansicht, der Westen habe die demokratischen Kräfte im Stich gelassen und sich über Jahre hinweg auf „Stabilität“ durch das Regime verlassen – selbst wenn diese Stabilität auf Unterdrückung, Folter und geheimen Hinrichtungen beruht.
Kermani betont, dass ein Bürgerkrieg nicht aus den Protesten des Volkes entsteht, sondern aus der anhaltenden Gewalt des Regimes, das alle friedlichen politischen Wege blockiert hat. Die Menschen im Iran wollen keinen inneren Bürgerkrieg; sie wollen Leben, Freiheit, menschliche Würde und politische Teilhabe. Die Antwort der Regierung aber sind Schüsse, massenhafte Verhaftungen, systematische Folter und die Zerstörung zivilgesellschaftlicher Strukturen.
Europas Politik und die Gefahr des Appeasements
Kermani übt auch Kritik an der Politik Europas: Er sagt, das Problem sei nicht nur, dass der Westen die demokratischen Kräfte allein gelassen habe, sondern dass lang anhaltendes Appeasement und die Betonung von „Stabilität“ durch ein unterdrückerisches Regime die Krise verschärft und das Risiko eines Bürgerkriegs erhöht haben.
Seine Botschaft an Europa ist klar:
- Das Regime als Hauptursache der Krise offen benennen;
- die Normalisierung der Beziehungen mit dem repressiven Regime beenden;
- gezielte politische und rechtliche Maßnahmen gegen Verantwortliche für Gewalt und Unterdrückung umsetzen;
- und offen und entschlossen an der Seite der iranischen Bevölkerung stehen – ähnlich wie die USA und Israel ihre Verbündeten unterstützen.
Kritik an Kermani’s Einschätzung zur US-Militärintervention
Kermani ist der Ansicht, dass ein militärischer Angriff der USA auf Iran unwirksam sei und die demokratische Bewegung im Inland schwächen könnte. Er glaubt, dass Sicherheit und Wandel nur durch Frieden, internationalen Druck und politischen Dialog erreicht werden können.
Diese Sicht verdient Beachtung, doch zeigt die Geschichte, dass extrem repressive Regime oft nur durch äußeren militärischen Druck effektiv gestürzt wurden. Ein klassisches historisches Beispiel ist das nationalsozialistische Deutschland unter Adolf Hitler: Erst die Intervention der Alliierten beendete 1945 das Regime und brachte sein gewaltsames Ende.
Ohne ernsthaften äußeren Druck könnte das iranische Regime, das sämtliche friedlichen politischen Kanäle geschlossen hat, ebenfalls nur schwer zum Zusammenbruch gebracht werden.
Darüber hinaus bedeutet eine militärische Intervention durch die USA nicht automatisch einen inneren Bürgerkrieg innerhalb Irans. Die Menschen im Iran streben nicht nach Gewalt untereinander; ihr Ziel ist ein Leben in Freiheit und Würde. Aus dieser Perspektive könnte eine gezielte äußere Intervention dazu beitragen, das Regime zu schwächen und Raum für politischen Wandel zu schaffen – ohne zwangsläufig eine interne bewaffnete Auseinandersetzung zwischen verschiedenen iranischen Bevölkerungsgruppen auszulösen.
Schlussfolgerung
Kermani liegt richtig, wenn er sagt, dass ein Bürgerkrieg nicht aus den Protesten der Menschen entsteht, sondern aus der anhaltenden staatlichen Gewalt und der Blockade friedlicher, politischer Wege. Zugleich ist seine Einschätzung über die Wirkung einer US-Militärintervention historisch und politisch umstritten. Die Geschichte lehrt, dass Regime, die friedliche Veränderungsmöglichkeiten rigoros ausschließen, ohne externe Druckmittel nur schwer fallen, und dass eine Intervention nicht unbedingt in einen inneren Bürgerkrieg münden muss, wenn die Bevölkerung keine Spaltung, sondern Freiheit sucht.
Am Ende bleibt: Die Beendigung einer Diktatur erfordert echte internationale Verantwortung, entschlossenen Druck und – gegebenenfalls – koordinierte äußere Maßnahmen, während die Menschen im Iran weiterhin das grundlegende Recht auf Leben, Freiheit und Würde fordern, und nicht einen internen bewaffneten Konflikt.
Quelle: Deutschlandfunk, Dirk-Oliver Heckmann, 16. Januar 2026, 07:18 Uhr
https://www.deutschlandfunk.de/krise-im-iran-interview-mit-schriftsteller-navid-kermani-100.html

Farzaneh Ravesh zündet bei der Solidaritätskundgebung in Frankfurt Kerzen für die während der Proteste 2026 in Iran Getöteten an. Foto: Atusa